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Transsibirische Eisenbahn: Yekaterinburg

26 Jul

Abends kommen wir am Bahnhof in Jekaterinburg an. Verschiedene Gepäckträger wollen uns helfen, unser Gepäck die 100 m bis zu unserem Bus zu schleppen (ihr erinnert euch: alles 70 jährige Senioren). Da jedoch alle mit Rollkoffern unterwegs sind, wird es leider kein gutes Geschäft für diese Leute. Technischer und physikalischer Fortschritt sind des einen Freud und leider des anderen Leid.

Die Atmosphäre ist in dieser Stadt ganz anders als in Moskau. Viel ländlicher, viel langsamer, trotz der rund 1.5 Mio. Einwohner. Die Leute scheinen mir auch freundlicher, lockerer und rascher zu einem Lächeln bereit. Eine aus meiner Reisegruppe erzählte mir von früher, grad nach dem Fall des Sozialismus und meinte, je weiter weg von Moskau desto freundlicher wird es wahrscheinlich. Sie sei damals in Irkutsk gewesen, wo viele ins Exil hin „verbannt“ wurden. Die hätten da ihr ganz eigenes Leben aufgebaut, waren locker, lustig und zufrieden. Was da gerade in Moskau ablief, hätte sie nicht mehr geschert.

Unsere Guidin zeigt uns ein leckeres russisches Restaurant, das angenehm modern-alternativ eingerichtet ist und sich auf Pelmeni, ein typisches russisches Gericht spezialisiert hat. Alles Bio selbstverständlich, wie unsere Guidin betont. Wir sind gespannt und werden nicht enttäuscht. Zufrieden lassen wir den Tag mit Plaudern ausklingen. Unser Hotel, das Hotel Tsentralny***, ist ganz gut für seine Klasse, ruhig, obwohl direkt an der Hauptstraße liegend. Nur um 2 Uhr morgens muss man keine heiße Dusche erwarten.

Vor dem Zubettgehen erkläre ich allen noch einmal den Unterschied zwischen Moskauer Zeit und lokaler Zeit und dass bitte alle darauf achten, pünktlich zur angegeben Lokalzeit auf der Matte zu stehen.

Ich stehe am Morgen früh gemütlich auf, arbeite noch ein bisschen, bis mein Telefon klingelt. Es säßen alle bereits im Bus und warten nur noch auf mich. Ups. Nochmal ups. Irgendwie doch ein Durcheinander mit der Zeit angestellt. In Rekordzeit schnappe ich alle meine Sachen, renne runter und werde von meiner Gruppe mit tosendem Applaus empfangen. Der nächste Vodka geht wohl auf mich.

Jekaterinburg ist eine Stadt der Kathedralen. Wie immer sind diese unglaublich pompös, alles ist bis ins kleinste Detail durchdacht und kunstvoll inszeniert, prächtige Malereien bedecken jedes freie Plätzchen. Es ist spannend, wie jede Kathedrale eine andere Atmosphäre ausstrahlt. Während sich die eine für mich einladend und warm anfühlt, empfinde ich in einer anderen nichts und wieder in einer anderen Friede oder sogar Abneigung.

Romanov Familie

Romanov Kathedrale

Wir schauen uns vor allem die Kathedralen an, die dem letzten Zaren Nikolaus von der Romanov Familie gewidmet sind. Er und seine Familie wurden im Exil grausam ermordet. Damit sie niemand findet und sich aus der Grabstätte keine Pilgerstätte entwickeln kann, wurden sie irgendwo tief in den Birkenwäldern vergraben. Da es zu diesem Zeitpunkt jedoch tagelang geregnet hat, wurden einige Körper wieder ausgeschwemmt und die Stätte wurde doch gefunden. Mit aufwändigen internationalen Teams wurde die gesamte Stelle kilometerweit abgesucht und die sterblichen Überreste genetisch verifiziert. Heute stehen zu Ehren des ermordeten Zaren und seiner Familie verschiedene Kathedralen mitten in den Birkenwäldern, auch bekannt als Ganina Yama oder Ganina Jama’s Pit.

Romanov Children

Gleich nebenan steht eine kleine Siedlung aus baufälligen Holzhäusern, mit einem Gewirr aus oberirdischen Gasleitungen verbunden. Wie wohl das Leben dort ist, mitten im Nirgendwo? Wo es im Winter garstiger ist, als wir uns vorstellen können? Ich entscheide mich dafür, es gar nicht wissen zu wollen.