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Der Panther – von Rainer Maria Rilke

29 Jun

Als ich kürzlich in meinen alten Kisten, die im Keller lagern, herumgewühlt habe, habe ich mein Literaturbuch aus dem Deutschunterricht meiner Berufsmaturitätszeiten gefunden. Wie musste ich Grinsen. Ich blätterte darin herum und sah, dass ich damals (huch, schon ca. vor 16 Jahren war das) sogar fleissig viele Textstellen markiert und viele Randnotizen verfasst habe. Und als ich so im Buch stöberte, zog mich eine Seite besonders an und ich schaute genauer hin. Wieder einmal bin ich auf ein Gedicht von Rilke gestossen, das mich tief berührt. So richtig mitten im Herzen.

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein grosser Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf-. Dann geht ein Bild hinein,
geht dur der Glieder angespannter Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Drei Gedichte von Rainer Maria Rilke

19 Sept

Hab schon lange nichts mehr geschrieben und auch schon lange nichts mehr gedichtet. Heute habe ich drei Gedichte von Rainer Maria Rilke gelesen, die mir besonders nahe ginge. Warum? Weil ich rund um mich herum sehe, wie viele Leute (inklusive ich manchmal) mit ihrem Leben kämpfen. Die vielen Warums, Wieso, Wie, Wann, Wo. Statt sich einfach vom Leben tragen zu lassen und nicht immer Antworten und Sinn zu suchen.

Träume, die in deinen Tiefen wallen

Träume, die in deinen Tiefen wallen,
aus dem Dunkel lass sie alle los.
Wie Fontänen sind sie, und sie fallen
lichter und in Liederintervallen
ihren Schalen wieder in den Schoß.

Und ich weiß jetzt: wie die Kinder werde.
Alle Angst ist nur ein Anbeginn;
aber ohne Ende ist die Erde,
und das Bangen ist nur die Gebärde,
und die Sehnsucht ist ihr Sinn.

Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Habe Geduld gegen all das Ungelöste

Habe Geduld
gegen all das Ungelöste
in deinem Herzen und versuche
die Fragen selbst lieb zu haben,
verschlossene Stuben oder ein neues Buch
das in fremder Sprache geschrieben ist.

Forsche nicht nach Antworten,
die dir nicht gegeben sind,
weil du sie nicht leben kannst.

Und darum handelt es sich doch:
alles zu leben. Lebe jetzt deine Fragen!

Vielleicht lebst du dann,
eines neuen Tages ohne es zu merken
in die Antwort hinein.