Bali wird oft mit einem Paradies gleichgesetzt. Etwas Himmlischem. Unbestreitbar Göttlichem. Wie könnte es auch anders sein, wird die Insel auch die Insel der tausend Tempel genannt. Oder die Götterinsel.
Will man dem Himmel also besonders nah sein, kann man die Nähe zu den Göttern, die durch die reine Anwesenheit auf Bali eh schon ziemlich gross ist, noch markant steigern. Indem man nämlich auf den Gipfel des heiligen Berges Gunung Agung steigt. Nachts, versteht sich. Mit Turnschuhen, dicken Pullovern, Jacke und Stirnlampe ausgerüstet.
Eine gute Idee, fanden wir, und machten uns an den halsbrecherischen Aufstieg – dem luftigen Himmel und dem wartenden Sonnenaufgang entgegen. Leichten Schrittes ging es über erdige Pfade in die Höhe. Wayan, unser ausgesprochen fröhlicher, hilfsbereiter und zuvorkommender Guide führte uns sicher über rutschige Stellen und bewahrte uns davor, Kopf voran in herabhängende Äste und Gestrüpp zu laufen.
Wayans Hund folgte uns als stiller Schatten, schwanzwedelnd und topfit.
Nach einer Weile wurde es felsiger und steiler. Teils auf allen Vieren bahnten wir unseren Weg durch das steinige Labyrinth. Ohne Guide wären wir in kürzester Zeit verloren gewesen. Die Beine wurden schwerer, der Atem auch, doch noch immer rief der Gipfel und trieb uns an. Gelegentliche Pausen mit Keksen, Bananen und Wasser liess unsere angestrengten Beine immer wieder erstarken.
Nach gut drei Stunden und einigen gedanklichen Fluchern kamen wir endlich oben an.
Unseren Augen eröffnete sich die ganze Schönheit einer stillen Nacht. Nur ein schwacher Schimmer am Horizont liess den kommenden Tag erahnen. Wayans Hund schien ebenfalls vom dieser atemberaubenden Atmosphäre verzaubert und stand erstarrt am Felsrand, den Blick gebannt auf die unter uns ausgebreitete Landschaft gerichtet.
Es ist unbeschreiblich, wie man sich da oben fühlt. Ich versuche trotzdem, einige Worte dafür zu finden. Ich kam mir so klein vor, spürte die Grösse und Mächtigkeit des Bodens und des Himmels. Und doch fühlte ich mich geborgen. Von der Dunkelheit umarmt und vom leichten Wind umsorgt.
Als die leuchtenden Strahlen den Horizont überfluteten und ihre Farbenpracht in den Himmel und die Wolken gossen, uns mit Wärme und Gold umfluteten, war ich für einige Sekunden der Wirklichkeit entrückt. Wahrlich im Himmel.
Meine Freunde, heisser Tee und noch mehr Kekse machten das Glück perfekt und liessen mich erfolgreich das Wissen verdrängen, dass nach einem dreistündigen Aufstieg eben auch der dreistündige Abstieg folgt. Aus Erfahrung weiss ich, dass mich die Hölle erwartete.
Alle rannten locker und flockig den Berg runter, so schien es mir. Der Russe und T. hatten sogar noch jede Menge Spass dabei. Immer wieder hörte ich ihr Geplauder und Gelächter, bis es irgendwann in der Ferne unter mir verschwand. Ich kämpfte mich Minischritt für Minischritt von Stein zu Stein, suchte mir im Schneckentempo meinen Weg bergabwärts, immer in Angst, auszurutschen und mit kaputtem Bein irgendwo liegen zu bleiben. Meine Knie schmerzten, meine Muskeln weinten und ich war am Verzweifeln. Und das nach nur einem Drittel der ganzen Strecke. Ich hätte heulen können und hätte es auch fast getan.
Zum Glück waren die einen so schnell und die anderen noch langsamer als ich. So konnte ich die Tortur wenigstens schweigend und in Ruhe zu ertragen versuchen.
Schritt um Schritt, Pfad um Pfad, Kurve um Kurve. Endlos. Immer ging es weiter. Und weiter. Wann immer ich gedacht hatte, dass jetzt ENDLICH der Tempel auftauchen müsste, der Fast-Endpunkt des Abstieges, eröffnete sich mir ein neuer Pfad, und noch einer, und noch einer.
Am Ende meiner Kräfte hab ich es aber doch noch geschafft. Der rettende Tempel. Nur: Es galt noch einen ziemlich lange Treppenflucht hinunterzulaufen. Die rannte ich buchstäblich runter, etwas anderes ertrugen meine Muskeln einfach nicht mehr. Die reinste Hölle.
Und dann: Endlich angekommen. Schuhe ausgezogen. Wasser getrunken. Durchgeatmet. Hingesessen. Stolz gewesen.
Da war ich wieder im Himmel.

