An meinem letzten Tag in Bali, das war Ende Februar, liess ich mich von einem balinesischen Taxifahrer an den Flughafen fahren. Hab mit ihm frisch und fröhlich geplaudert und gefragt, warum eigentlich viele Taxifahrer nicht mehr mit Taxameter fahren wollen (eine kleine Geschichte dazu in einem meiner früheren Posts „Bali mit neuen Augen – der erste Tag“.
Anscheinend gehört das grosse Taxiunternehmen Blue Bird einem stinkreichen Indonesier aus Jakarta, der so viel mit dem Unternehmen verdient, dass kürzlich die gesamte Flotte mit neuen bequemem Autos ausgestattet wurde. Die Taxifahrer jedoch verdienen – wie könnte es anders sein – praktisch nichts. Von dem wenigen Geld, dass sie sich pro Tag er-fahren, müssen sie erstens Lizenzgebühren bezahlen, das Benzin ebenfalls und nach einem Tag Gäste rumkutschieren bleibt praktisch nichts übrig. Aus diesem Grund hat er persönlich auch beschlossen, vor einigen Jahren privater Taxifahrer zu werden. Einiges lukrativer.
Da ich mir auch schon viele Male intensiv Gedanken über die Probleme Bali’s aus meiner Sicht gemacht habe, war ich neugierig, wie er als Balinese wohl darüber denkt und hab ihn mit noch mehr Fragen gelöchert.
Die Antworten waren überraschenderweise ganz anders erwartet.
Auf die Frage, wie er den wachsenden Tourismus und die damit verbundene Infrastruktur- und Müllproblematik bzw. die laufende Zerstörung Balis empfindet, meinte er nur lapidar, dass er seit 20 Jahren Fahrer ist, damit seine Familie ernähren kann und die Touristen deshalb toll findet.
Was ihn jedoch sehr beschäftigt, sind ganz andere Angelegenheiten. Zum Beispiel die mangelnde Bereitschaft der balinesischen Regierung, die eigene Kultur zu pflegen und zu schützen. Oder gar deren aktiven Bemühungen, die eigene Kultur zu untergraben.
Es war erst kürzlich oder ist vielleicht sogar noch die Diskussion in Gange, ob die balinesische Sprache von den Schulen verbannt werden soll. Zusätzlich sprechen viele Balinesen mit ihren Kindern nur noch Indonesisch, da sie der Meinung sind, dass das Kind erstens mit mehreren Sprachen überfordert ist (woher kommt das wohl, frage ich mich?) und Indonesisch ja nun die Landessprache ist, also viel wichtiger für Bildung und Karriere.
Ihnen ist vielmals nicht bewusst, dass ein Kind erstens ohne Probleme mehrsprachig aufwachsen kann und zweitens Sprache eine wichtige Grundlage der Kultur und eigenen Identität darstellt sowie Spiegel der eigenen Identität und Kultur ist.
Im weiteren ist die balinesische Sprache – ein äusserst komplexes Konstrukt aus drei verschiedenen Höflichkeitsebenen, die wiederum jede in drei weitere Ebenen unterteilt ist – schon so weit zerfallen, dass die meisten Balinesen heute praktisch nur noch zwei Ebenen beherrschen. Die übliche Umgangssprache und eine Ebene der Höflichkeitssprache. Nur die ältere Generation spricht mindestens drei oder mehrere Ebenen, die sich teils komplett voneinander unterscheiden.
Um kurz abzuschweifen – hier zwei interessante Artikel zum Thema Sprache und Kultur:
http://www.dw.de/sprache-ist-identität/a-3137816
Weiter soll der Ogoh-Ogoh verboten werden, da die Regierung Angst vor Gewalt und Randalierern hat. Beim Ogoh-Ogoh, einem karnevalsähnlichen Umzug zum Einläuten des balinesischen Neujahres Nyepi, werden riesige, selbstgebastelte Statuen mitgetragen. Diese verkörpern die bösen Geister, die vertrieben werden müssen. Der Ogoh-Ogoh-Umzug ist nicht nur grosse Touristenattraktion, sondern vor allem ein wichtiges traditionelles, religiöses und auch gesellschaftliches Ereignis, welches tief in der balinesischen Kultur verwurzelt ist. Für meinen Taxifahrer völlig unverständlich, wie die Regierung überhaupt auf die Idee kommen kann, den Umzug verbieten zu wollen.
Auch der sich von der üblichen balinesischen Bauweise entfernende Baustil bereitet ihm einiges an Sorgen. Früher mussten sämtliche neu gebauten Gebäude dem balinesischen Baustil entsprechen. Heute darf gebaut werden, wie man will. Es gibt einige Regeln wie zum Beispiel, dass nicht höher als die Bäume oder nicht näher als 100 – 150 Meter an den Strand hin gebaut werden darf, aber mit den nötigen Beziehungen und Bestechungen können auch diese problemlos umgangen werden. Mein Taxifahrer findet es schade und bedrückend, dass man in vielen Strassen nicht einmal mehr erkennen kann, dass man in Bali ist, sondern irgendwo in Indonesien sein könnte.
Die Einwanderung muslimischer Indonesier billigt er teilweise ebenfalls nicht. Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil dem Rest Indonesiens nicht Bali und ihre Traditionen wichtig ist, sondern rein wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen. Auch so wird vor allem in den Städten und dicht besiedelten Gebieten viel von der balinesischen Kultur verdrängt.
Für mich war das Gespräch sehr interessant und aufschlussreich, da mir einmal mehr bewusst wurde, dass Bali nicht nur von den Touristenströmen und daraus resultierenden Problemen belastet ist, sondern sich auch innerhalb der balinesischen und indonesischen Gesellschaft viele Dinge abspielen, die man als Ausländer und auch als Expat nicht einmal mitkriegt.
Ich möchte jedoch an dieser Stelle ebenfalls betonen, dass sich sehr viele Ausländer und auch Einheimische auf vielerlei Weise sehr intensiv um die Lösung oder Verbesserung vieler Problematiken bemühen. Dazu vielleicht bald mehr in einem neuen Post.
Bildnachweis: http://baliskytour.files.wordpress.com/2011/06/ogoh-ogoh.jpg
