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Transsibirisches Zugsleben: Von Novosibirsk nach Irkutsk

28 Sept

Von unseren ersten zwei doch luxuriösen Zügen verwöhnt, gehen wir guten Mutes spätabends an den Bahnhof. Wir finden auch auf Anhieb unseren Zug, doch oh, welche Überraschung. Da der Zug keine erste Klasse führt, sind wir in die zweite Klasse eingebucht. Keine Slippers mehr, Sauberkeit dürftig, kein roter Teppich am Boden, kein Wasser, keine Teetassen und die Matratzen und Decken eher an dritte Klasse erinnernd als an zweite Klasse. Die Toiletten auch keine chemischen sondern solche, die direkt aufs Geleise entleeren.

Meine Gruppe fühlt sich sichtlich unwohl, eine Teilnehmerin verfällt sogar in hysterisches Putzen und desinfiziert ihr ganzes Abteil. Panik darüber, nicht nur eine, sondern zwei Nächte hier verbringen zu müssen, steht ihr deutlich in die Augen geschrieben. Ich gehe zu meinem Abteil und finde mich mit einem russischen Ehepaar wieder, das kein Wort englisch spricht. Er schaut mich aus alkoholgetrübten Augen mürrisch an, sie scheint eine freundliche Frau zu sein. Ich mach es mir im oberen Abteil bequem, Toilettengang und Zähneputzen ist auf den nächsten Morgen verschoben. Es schüttelt, knirscht und knackt. Es rumpelt und grumpelt. Irgendwie wie in einer Wiege für Erwachsene. Nehme noch kurz wahr, dass im Abteil nebenan laut und ausgiebig gelacht wird, bevor ich in tiefen Schlummer versinke. Wie ich am nächsten Morgen erfahre, hat meine Gruppe noch die zweite Vodkaparty geschmissen. Von innen und außen desinfiziert fühlen sich – so glaube ich – nun alle wieder wohl. Schließlich wollten sie ja authentische transsibirische Züge buchen, authentischer kann es wohl mit einem gewissen Komfort wohl nicht gehen.

Am Morgen um sechs stehe ich auf. Habe wunderbar geschlafen und wollte Toilettengang und Zähneputzen nachholen. Wieder nichts gewesen. Da der Zug gerade an einem Bahnhof hält, sind die Toiletten für mindestens die nächsten 20 Minuten geschlossen. Klettere wieder in mein Bett und schlafe noch ein paar Stunden weiter.

Nach der zweiten Schlafpause klappt es dann endlich mit der Kurzhygiene und ich entscheide mich, meinem knurrenden Magen nachzugeben und mich auf die Suche nach dem Restaurant-Wagen zu machen. Ich frage die Provodnika in Zeichensprache, wo ich was zu Essen finde und sie erklärt mir ausgiebig in gebrochenem Englisch und mit viel Gestik, dass sich das Restaurant zwischen Wagen 7 und 8 befindet. Wir sind im Wagen 13, gerade hinter der Lokomotive. Der nächste Wagon ist dritte Klasse. Ich quetsche mich an mehreren Fußpaaren vorbei, die von oberen Betten in den Gang hineinragen und schaue mich um, wer denn da so dritte Klasse fährt. Ein gemischtes Publikum, viele Jüngere. Ich habe es mir stinkiger und überfüllter vorgestellt, aber es sieht ganz ordentlich aus. Wenn man mit nur einem kleinen Rucksack unterwegs und gerne um Leute ist, ist es sicher einmal zu empfehlen, dritte Klasse zu fahren. Zwischen den Waggons stehen ein paar Russen, rauchend, ich muss mich durch deren Mitte quetschen, da keiner eine Anstalt macht, auch nur einen Zentimeter auf die Seite zu rücken. So wandere ich weiter bis zum Restaurant, wo ich mal wieder ein paar Stunden mit Essen, Schreiben und Quatschen verbringe.

Mittlerweile ist es auch richtig warm geworden. Kurze Hosen und T-Shirt sind nun angesagt. Die Landschaft ist hügelig, mit vielen farbigen Blumenwiesen durchsetzt und natürlich auch überall bewaldet. Kleine charmante Holzhäuser schmiegen sich romantisch in die Landschaft. Na, ich übertreibe wohl ein bisschen mit der Romantik, aber so sieht es im Moment durch das Zugfenster hindurch tatsächlich aus.

Meine Gruppe hat ebenfalls die Abenteuerlust gepackt und ist auf Entdeckungsreise durch den Zug gegangen, das Handdesinfektionsmittel natürlich immer mit dabei.

Transsibirische Eisenbahn: Novosibirsk

28 Sept

Je weiter östlicher wir kommen, desto simpler wird alles. Moskaus Luxus und Glitzer sind in der 13 Mio. km2 großen Ländlichkeit Sibiriens nur noch eine entfernte Erinnerung.

Im Winter versinkt Novosibirsk während rund 6 Monaten in gleißendes Weiß. Es ist weitere 3 Monate kühl. Der Sommer dauert 3 Monate. Es regnet viel. Sibirien sei unberechenbar, erzählt unsere Guidin, heute könne es 15 Grad sein, morgen 35 und im Winter gute -35 Grad. Die Frauen tragen gerne Fellmäntel (einer reicht nicht, es müssen schon 2 – 4 sein), die ihnen natürlich die Männer schenken müssen (da sieht man mal, für was die Russen eigentlich arbeiten müssen). Da man sich nach ein paar Monaten weißer Pracht doch langsam deprimiert fühlt, werden überall in öffentlichen Gebäuden und im eigenen Heim Pflanzengärten geschaffen. Im Sommer herrscht ein reger Wettbewerb, wer in dieser kurzen Zeit am meisten Gemüse und Früchte ziehen kann. Seit das Land für Handel offen ist, kommt die Region nun auch in den Genuss von Früchten und Gemüse aus dem nahe liegenden asiatischen Teil, vor allem China.

Wir schauen uns noch einige Monumente an, unter anderem eine riesige Statue eines Mannes, der eine Flamme trägt und einer Frau, die eine Ähre in die Luft hält. Ursprünglich ein Symbol für die junge Region und deren Entwicklungspotential, interpretieren es die Jugendlichen ganz anders: Die Frau mit der Ähre symbolisiert Arbeit, die Flamme des Mannes Muße. Ganz daneben liegen sie wohl mit dieser Interpretation nicht.

Im Geologiemuseum kommen wir in den Genuss einer Führung mit einer berühmten russischen Forscherin. Mit viel Leidenschaft zeigt und erklärt sie uns die vielen Naturressourcen, die in Sibirien abgebaut werden. Da wird echt alles Mögliche in Rauen Mengen abgebaut. Kurz zusammengefasst: Ich glaube nicht, dass es der Welt ohne Russlands Ressourcen so gut gehen würde.

Zwischendurch mache ich einen kurzen Ausflug auf die Toilette. Nach unzähligen endlos langen Gängen finden wir nur die Männertoilette und entscheiden uns, nicht zimperlich zu sein. Unser Mut wird hart auf die Probe gestellt, in der ersten Toilettenschüssel liegt eine derartig große Stinkwurst, dass alles Spülen nichts nützen würde. Ich habe es aus Angst vor nachfolgender Überflutung auch gar nicht versucht. Auch die zweite Toilette wies überall deutliche braune Schmierspuren auf. Was soll ich sagen, gepinkelt haben wir, berührt aber nichts. Also liebe Frauen, besser nicht auf russische Männertoiletten gehen!

Transsibirisches Zugleben: Zug Nr. 56 von Yekaterinburg nach Novosibirsk

26 Jul

Unser zweites Zugabenteuer steht uns bevor. Nachdem sich alle häuslich eingerichtet haben, treffen wir uns in meinem Abteil zur ausgelassenen Vodkaparty. Die Flasche ist schnell geleert, es wird immer mehr gelacht, das Französisch wird immer schneller. Irgendwann lache ich nur noch mit, verstehe aber kein Wort mehr. Alle tauen auf, wir sind nun per Du.

Diesmal war ich alleine im Abteil, also angenehme Ruhe. Hab etwa 11 Stunden am Stück geschlafen, ich scheine es gebraucht zu haben. Als ich endlich verschlafen aus meinem Abteil schlurfe, erwartet mich wieder tosender Applaus meiner Gruppe. Was für ein schöner, wenn auch leicht ironisch-gütig gemeinter Morgengruß!

Die vorbeiziehende Landschaft besteht nun aus Grassteppen und Laubwäldern. Birken sind nach wie vor allgegenwärtig.

Das Leben im Zug lässt nichts anderes als Muße zu, ich passe mich dem langsam-schaukelnden Rhythmus an. Und lasse den Tag einfach so vergehen und vorüberziehen.

Vodka Flasche steht bereit

Transsibirische Eisenbahn: Yekaterinburg

26 Jul

Abends kommen wir am Bahnhof in Jekaterinburg an. Verschiedene Gepäckträger wollen uns helfen, unser Gepäck die 100 m bis zu unserem Bus zu schleppen (ihr erinnert euch: alles 70 jährige Senioren). Da jedoch alle mit Rollkoffern unterwegs sind, wird es leider kein gutes Geschäft für diese Leute. Technischer und physikalischer Fortschritt sind des einen Freud und leider des anderen Leid.

Die Atmosphäre ist in dieser Stadt ganz anders als in Moskau. Viel ländlicher, viel langsamer, trotz der rund 1.5 Mio. Einwohner. Die Leute scheinen mir auch freundlicher, lockerer und rascher zu einem Lächeln bereit. Eine aus meiner Reisegruppe erzählte mir von früher, grad nach dem Fall des Sozialismus und meinte, je weiter weg von Moskau desto freundlicher wird es wahrscheinlich. Sie sei damals in Irkutsk gewesen, wo viele ins Exil hin „verbannt“ wurden. Die hätten da ihr ganz eigenes Leben aufgebaut, waren locker, lustig und zufrieden. Was da gerade in Moskau ablief, hätte sie nicht mehr geschert.

Unsere Guidin zeigt uns ein leckeres russisches Restaurant, das angenehm modern-alternativ eingerichtet ist und sich auf Pelmeni, ein typisches russisches Gericht spezialisiert hat. Alles Bio selbstverständlich, wie unsere Guidin betont. Wir sind gespannt und werden nicht enttäuscht. Zufrieden lassen wir den Tag mit Plaudern ausklingen. Unser Hotel, das Hotel Tsentralny***, ist ganz gut für seine Klasse, ruhig, obwohl direkt an der Hauptstraße liegend. Nur um 2 Uhr morgens muss man keine heiße Dusche erwarten.

Vor dem Zubettgehen erkläre ich allen noch einmal den Unterschied zwischen Moskauer Zeit und lokaler Zeit und dass bitte alle darauf achten, pünktlich zur angegeben Lokalzeit auf der Matte zu stehen.

Ich stehe am Morgen früh gemütlich auf, arbeite noch ein bisschen, bis mein Telefon klingelt. Es säßen alle bereits im Bus und warten nur noch auf mich. Ups. Nochmal ups. Irgendwie doch ein Durcheinander mit der Zeit angestellt. In Rekordzeit schnappe ich alle meine Sachen, renne runter und werde von meiner Gruppe mit tosendem Applaus empfangen. Der nächste Vodka geht wohl auf mich.

Jekaterinburg ist eine Stadt der Kathedralen. Wie immer sind diese unglaublich pompös, alles ist bis ins kleinste Detail durchdacht und kunstvoll inszeniert, prächtige Malereien bedecken jedes freie Plätzchen. Es ist spannend, wie jede Kathedrale eine andere Atmosphäre ausstrahlt. Während sich die eine für mich einladend und warm anfühlt, empfinde ich in einer anderen nichts und wieder in einer anderen Friede oder sogar Abneigung.

Romanov Familie

Romanov Kathedrale

Wir schauen uns vor allem die Kathedralen an, die dem letzten Zaren Nikolaus von der Romanov Familie gewidmet sind. Er und seine Familie wurden im Exil grausam ermordet. Damit sie niemand findet und sich aus der Grabstätte keine Pilgerstätte entwickeln kann, wurden sie irgendwo tief in den Birkenwäldern vergraben. Da es zu diesem Zeitpunkt jedoch tagelang geregnet hat, wurden einige Körper wieder ausgeschwemmt und die Stätte wurde doch gefunden. Mit aufwändigen internationalen Teams wurde die gesamte Stelle kilometerweit abgesucht und die sterblichen Überreste genetisch verifiziert. Heute stehen zu Ehren des ermordeten Zaren und seiner Familie verschiedene Kathedralen mitten in den Birkenwäldern, auch bekannt als Ganina Yama oder Ganina Jama’s Pit.

Romanov Children

Gleich nebenan steht eine kleine Siedlung aus baufälligen Holzhäusern, mit einem Gewirr aus oberirdischen Gasleitungen verbunden. Wie wohl das Leben dort ist, mitten im Nirgendwo? Wo es im Winter garstiger ist, als wir uns vorstellen können? Ich entscheide mich dafür, es gar nicht wissen zu wollen.

Transsibirisches Zugsleben – von Moskau nach Yekaterinburg

2 Jul
Am Moskauer Bahnhof Khabarovsky....

Am Moskauer Bahnhof Khabarovsky….

Der Zug sieht aus, wie eben ein Zug aussieht. Ich sehe noch nichts Besonderes darin und doch bedeutet dieser Zug für so viele eine mystische Reise. Der Zug ist sauber, das Abteil empfinde ich zwar als relativ eng, bietet aber trotzdem genügend Platz. Die Liegefläche ist zweigeteilt, die Rücklehne ist gleichzeitig auch die Matratze, die sich runterklappen lässt und bereits mit Decke bestückt ist. Pro Bett sind zwei flauschige Kissen verfügbar. Der obere Teil der Rückenlehne ist aufklappbar, darin finde ich Handtücher und Slipper.

Wir haben Glück, die Toilette ist eine chemische, also kein Wind am Hintern während dem kleinen und großen Geschäft. Waschen tut man sich am Waschbecken; Katzenwäsche ist angesagt.

Ich bin als erstes nicht ganz sicher, ob ich vor dem richtigen Abteil stehe. Gebucht ist Sitz Nr. 2 in der ersten Klasse, also einem 2er-Abteil. Drin sitzt aber eine Familie. Und beißender Schweißgeruch schwallt mir entgegen. Mein erster Gedanke: Oh mein Gott, wie soll ich so eineinhalb Tage bloß überleben, ohne dass mir die Nase dabei abfällt? Glücklicherweise verabschiedet sich der Vater, was zwar meiner Nase gut tut, der Frau und dem kleinen Jungen jedoch einige Tränen entlockt. Während die Frau verstohlen ihre Trauer versteckt, bricht der Junge in herzzerreißendes Weinen aus. Beide sprechen kein English, also wird es eine ruhige Reise für mich (solange der Junge nicht lautstark Anderson-Märchen auf Russisch hört, was er etwa eine Stunde lang tatsächlich tut).

In unserem Zugticket ist eine Abendmahlzeit inbegriffen. Die Provodnika (die Wagonverantwortliche) ist freundlich, fragt, was wir essen wollen. Da auch sie kein Englisch spricht, verstehe ich, dass es eine Auswahl an Pasta mit etwas gibt. Chicken ist das einzige, was ich verstehe. Betreffend Getränk sagt sie „Bier“, ich schüttle den Kopf, dann sagt sie „Tomato“ und ich nicke. Also ist das mit dem Abendessen auch geklärt. Der Rest meiner Gruppe tut es mir gleich, da niemand versteht, was denn überhaupt die andere Wahl außer Chicken war. Das Essen war erstaunlich lecker und die Provodnika hat sich mit einen Lächeln und Bon Appetit verabschiedet.

Ich setz mich danach für ein paar Stunden mit meinem Laptop ins Zugsrestaurant, wo ich von einem mürrischen Russen (auf Russisch notabene) gefragt werde, ob ich was essen will. Auf meine Verneinung verzieht sich sein Gesicht ärgerlich-enttäuscht, ich lächle (er lächelt nicht zurück) und bestelle einen Tee. Fleißig an meinen Geschichten schreibend gönne ich mir seit langem Mal wieder jene Muße, die es fürs Schreiben eben braucht. Als das Restaurant dunkel ist – aus irgendeinem Grund war das Licht ausgeschaltet – kommt der Russe wieder und herrscht mich mit dem Wort „money“ barsch an. Auf meine Frage, wie viel der Tee denn kostet, erhalte ich nur einen verständnislosen Blick. Also krame ich all mein Geld aus meiner Hosentasche und halte ihm ein Notenbündel Rubel hin. Er kramt sich ein paar Noten raus und machte sich wieder vom Acker.

Zurück im Abteil sind Mutter und Kind bereits am Schlafen. Die Frau ist ruhig, der Kleine schnarcht wie ein Großer. Mitten in der Nacht werde ich durch seinen Niesanfall, der sich mindestens eine halbe Stunde hinzieht, geweckt. Um 4:00 Uhr morgens steigen sie aus – zum Glück – und ich genieße das Alleinsein.

Meine Reisegruppe scheint ebenfalls zufrieden zu sein, also alles perfekt.

Der Tag verläuft friedlich, der mürrische Zugskellner hat heute ein Lächeln für uns übrig und spricht sogar ein paar Worte Französisch mit uns. Die weiteren Stunden verbringe mit aus dem Fenster schauen, plaudern und eben Muße tun. Etwa drei Stunden vor Ankunft in Yekaterinburg entscheide ich mich dafür, ein längeres Nickerchen zu machen, dass nach 5 Minuten lautstark unterbrochen wurde. Eine Russin mit einem kleinen Mädchen. Schon wieder ein Kind, denke ich, und meine Befürchtung, dass Schlaf wieder einmal zu vergessen ist, wird wahr. Die Russin, Maria, grüsst freundlich, fragt, ob ich Russisch kann. Nein, sage ich, sprichst du Englisch? Französisch sei ihr lieber, meint sie und so plaudern wir die nächsten 3 Stunden über Gott und die Welt. Zwar regelmässig von ihrer kleinen energischen Tochter unterbrochen, die es nie länger als 2 Minuten am Stück aushält, nicht die vollkommene Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu besitzen, doch kriegen wir ein einigermassen flüssiges Gespräch hin. Zwischendurch quietscht die Tochter, damit wir aufhören, auf französisch zu reden. Dann haut sie ihrer Mutter eins ins Gesicht. Dann rennt sie mal wieder aus dem Abteil weg oder klettert irgendwo im Zeugs rum. Maria liebt ihre Tochter über alles und schaut sie zwar zwischendurch verzweifelt, aber doch mit Wohlwollen an. Auf die Frage, ob sie ein zweites Kind will, meint sie lapidar, vielleicht. Es gäbe eben Kinder und es gäbe Kinder. Ihres sei eben eines DIESER Kinder und gäbe ihr grad alle Hände voll zu tun. Sie erzählt mir über das russische Leben in Yekaterinburg. Ein ganz anderer Vibe als in Moskau. Viel ländlicher, viel bodenständiger und so erfrischend offen.

Mag ich das Zugfahren? Erstaunlicherweise ja.

Transsibirische Eisenbahn: Moskau und Moskaus Moskauer

1 Jul
Einige Impressionen von unserem Spaziergang durch die Stadt.

Einige Impressionen von unserem Spaziergang durch die Stadt.

Von unserer Guidin bin ich erst einmal ordentlich eingeschüchtert. In typisch sowjetischer Manier hält sie das Zepter fest in der Hand und dirigiert die Gruppe mit ziemlich eiserner Hand durch ganz Moskau. Mit leuchtend gelber Jacke und grasgrüner Hose, die Fingernägel in verschiedenen Farben angemalt, haben wir Sie auch zur dichtesten Metrostoßzeit immer im Blick. Als Erstes geht es zum Kreml und in die Rüstkammer. Da man genau zur auf dem Ticket genannten Zeit im Kreml erscheinen muss, da man sonst nicht mehr reingelassen wird, kommen wir ganz schön ins Schwitzen. Wir haben natürlich getrödelt (1000 Fotopausen und so) und waren selbstverständlich zu spät dran. Unsere Guidin kennt man da aber vom Sehen her, da sie schon seit 30 Jahren Führungen macht, und so haben wir nochmal Glück.

In der Rüstkammer sind entgegen des Namens nicht Waffen und Rüstungen Hauptfiguren, sondern die kunstvoll gefertigte Kleidung der Zaren und Zarinnen, unglaublich detailliert bestickte Sättel und Satteldecken, mit Diamanten und anderen Edelsteinen bestückte Dekorationen, die berühmten handgefertigten Fabré-Eier, Katharinas zahlreiche, pompöse Holzkutschen sowie Kronen und Throne. Eine Sammlung, die einmal mehr zeigt, dass Russen nichts zu teuer ist, ganz egal, was es ist.

Nach etlichen Geschichten unserer Guidin (die ein unerschöpfliches Wissen über Russland und dessen Geschichte besitzt) komme ich zum Schluss, dass Russen a) für alles eine Lösung finden, egal, wie verrückt sie ist und b) die Lösung umgesetzt wird, koste es was es wolle und sie c) stolz darauf sind, diese Fähigkeit zu besitzen.

Man denke nur an die 700 km lange, pfeilgerade Verbindungsstrecke zwischen Moskau und St. Petersburg. Warum eine gerade Strecke bauen? Da war doch bestimmt Einiges im Weg und es wäre einfacher gewesen, gewisse Kurven mit einzubeziehen.

Es war so: Die Kutschen der Zarin – riesige, prachtvoll verzierte Gefährte, die von 6 – 8 Pferden gezogen werden mussten – waren technisch noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie hätten Kurven fahren können. Also musste halt eine schnurgerade Strecke her. Oder der eine kleine Zar (oder der Sohn des Zaren, so genau weiß ich das nicht mehr) wollte unbedingt einen prächtigen Garten, wo aber ein Fluss durchfloss. Da der Garten her musste (des Zaren und des Zaren Kinder Wünsche mussten erfüllt werden), wurde der Fluss kurzerhand ummantelt und musste unterirdisch weiterfließen (was er heute noch tut). Oder die pompösen Gebäude, Kathedralen und Metrostrationen – der Wahnsinn! Es gibt hunderte, wahrscheinlich tausende solche Geschichten.

Und auch heute scheinen die Russen noch immer den gleichen Esprit zu besitzen. Einerseits bewundernswert, vom andererseits muss ich an dieser Stelle ja nicht sprechen.

Auf jeden Fall ist unsere Guidin extrem patriotisch eingestellt, gibt sie auch zu und merkt an, dass sie stolz darauf ist, es zu sein. Putin findet sie gut. Ich glaube, mit dieser Aussage wiederspiegelt sie wohl die Gefühle und Gedanken der meisten Russen. Sagt sie zumindest. Auf die Frage eine Gruppenteilnehmers, ob ihr Leben zu sozialistischen Zeiten oder heutiger (kapitalistischer) Zeit besser war, scheint sie eher der sozialistischen Zeit zugeneigter, zumindest, was das Finanzielle betrifft. Das Leben sei heute einiges teurer, für das gleiche Einkommen. Der Markt habe das Leben vieler Russen einiges schwieriger gemacht. Auf andere Punkte des Sozialismus geht sie nicht ein. Sie scheint die Frage als sehr persönlich zu empfinden und ringt mit einer Antwort, die einerseits ehrlich ist, andererseits aber auch nicht zu tief geht. Wir akzeptieren das und bohren nicht weiter. Auch das Verhalten vieler ausländischer Studenten, die das Studentenleben locker nehmen und lieber mal ausschlafen und faulenzen, statt das Studium ernst zu nehmen, ist für Russen wie unsere Guidin unverständlich. Spass und ausschlafen? Das kann man später machen, NACHDEM man etwas erreicht hat. Vor allem, wenn man schon die Möglichkeit dafür bekommt.

Ich könnte noch ganz viel darüber schreiben aber das würde den Rahmen dieses Postes natürlich sprengen. Es war auf jeden Fall höchst interessant, einen (kleinen) persönlichen Einblick in die Gedanken unserer Guidin erhalten zu haben.

Am nächsten Tag besuchen wir noch die Tretjakov-Galerie. Üblicherweise eine Kunstbanausin (manchmal eröffnet sich mir die einfach nicht, was an der Kunst denn nun Kunst sein soll), war ich von den Werken dieser berühmter russischer Künstler sprichwörtlich wie weggeblasen. Unglaublich. Und wieder: Das russische Herz schlägt für viel, groß und pompös. Ich kann nicht anders, als beeindruckt sein. Das Museum ist voller Kinder. Eine gute Sache. Einer meiner Reiseteilnehmer sagt, dass Russland wohl um den Patriotismus und Stolz auf die eigene Kultur angewiesen ist, da sonst das ganze riesige Land gar nicht zusammengehalten werden könnte. Scheint mir einleuchtend.

Auf jeden Fall ist unsere Guidin am Ende dieser zwei Tage zwar immer noch in russischer Manier ziemlich ruppig, scheint uns jedoch ins Herz geschlossen zu haben. Sie erzählt mir frei aus ihrem Leben und sagt, sie fühle sich von uns wie in einer großen Familie aufgenommen.

Ich mag sie. Und ich habe mich schon an die Ruppigkeit gewöhnt. Früher denkend, die äußere Ruppigkeit wiederspiegelt auch die innere Ruppigkeit bin ich nun eines besseren belehrt und sehe hinter dieser Mauer Herzlichkeit, Wärme und Gastfreundschaft.

Transsibirische Eisenbahn – von Moskau nach Peking: In den Startlöchern

1 Jul
Moskau in Gold getaucht  - Sicht vom 19. Stock des Hotels.

Moskau in Gold getaucht – Sicht vom 19. Stock des Hotels.

Diesmal liegt ein etwas anderes Abenteuer vor mir: Als Reisebegleitung einer 10-köpfigen Seniorengruppe auf den Schienen der legendären trans-sibirischen Eisenbahn von Moskau nach Peking reisen. 10’000 km, durch drei Kulturen, vorbei an vielfältiger Landschaft.

Nachdem ich Moskau letztes Jahr im klirrenden Winterkleid kennenlernen durfte, zeigte sich die Stadt diesmal von einer sommerlicheren Seite. Um 22:00 Uhr war es noch immer leicht hell, ein Pulli und Halstuch reichte gerade so aus, mich einigermaßen warm zu halten. Farid holte mich ab, ein bisschen zu spät natürlich, erzählte mir ein paar lustige Geschichten und gab mir das Iphone, dass er mir für diese Reise besorgen sollte. Im Hotel schaute ich die Verpackung genauer an. Iphone schwarz, 16 GB steht da drauf. Das Iphone ist weiss. Pennys Iphone sei das, kann ich da in den Einstellungen lesen. Und eingestellt ist Amerikanische Zeitzone. Ob das wohl mit rechten Dingen in den Laden nach Russland gekommen ist, in dem es Farid gekauft hat? Ich bezweifle es. Aber naja, ich hab ein Iphone mit russischer Nummer und durchgehend Internet, was mein süchtiges Netz-Herz höher schlagen lässt. …. hab ich grad durchgehend gesagt? Sitz grad im Funkloch im Zug, der sich durch tiefgrüne Wälder schlängelt…. Tannenwälder und Birken, soweit das Auge reicht. Ich liebe Birken.

Bei Ankunft im Hotel eröffnet sich mir statt einer schönen urbanen Stadtsicht eine kilometerlange 24-h-Baustelle, die sich nicht um das Bedürfnis nach Nachtruhe der Hotelgäste kümmert. Dazu surrt der Kühlschrank laut, den ich wegen dem darin gebunkerten Schokoberg leider nicht ausstecken kann. Nach 4 Stunden unruhigem Schlaf wieder hellwach, im Glauben, dass ich verschlafen hab. Es ist 4:30, draussen taghell. Willkommen im hohen Norden. Schlaf war nicht mehr möglich. Gerädert stehe ich am Morgen an der Rezeption, leicht nervös, auf meine Gruppe wartend, die ich nur über E-Mail-Korrespondenz kenne.

Alles lustige, nette, freundliche und Reise erprobte Senioren um die 70. Es sieht so aus, als ob mir angenehme 18 Tage bevorstehen werden……

Eine kleine Selektion Balis schöner Momente… („bali – an observation“ von David Child und Katrina Parker)

31 Okt

Heute bin ich über diesen Videoclip über Bali gestolpert. Ich muss sagen: eine Minifilm-Perle. Viele schöne alltägliche Momente, wie ich sie in Bali ebenfalls genauso gesehen und erlebt habe. Eine kleine Selektion der schönen Seiten Balis:

bali – an observation
from David Child and Katrina Parker

Flughafen, oh du holder Flughafen!

20 Apr

Gewisse Dinge ändern sich nie.

Zum Beispiel, dass ich für günstige Flugtickets immer Umwege fliegen muss (diesmal über Stuttgart, gefühlte 5 Flugminuten von Zürich entfernt, über meinen CO2-Fussabdruck will ich gar nicht nachdenken), dass ich immer viel zu früh am Flughafen bin (ich habe manchmal so unangenehme Alpträume, in denen ich aufgrund diverser Umstände erfolgreich davon abgehalten werde, rechtzeitig den Flieger zu erwischen), dass ich schon vor dem Start und bis zur Landung ins traumlose Schlafkoma falle (ohne Pillen, wohlverstanden) und dass ich die Transferzeiten dazu nutze, Blogeinträge zu schreiben. Solche Gewohnheiten haben aber auch etwas Schönes an sich, etwas heimeliges. Der Flughafen, egal welcher, wird so zu meinem Manchmal-Zuhause.

In Stuttgart sind mir die bis anhin schlecht gelauntesten Sicherheitskontrolleure untergekommen, die mir je in einem Flughafen begegnet sind. Und ich war schon in vielen Flughäfen. Die freundlich formulierte Frage der Dame hinter mir, ob sie ihren Gürtel ebenfalls ausziehen muss, wurde mit einem ruppigen „ziehen Sie erstmal Ihre Jacke aus, dann schauen wir weiter“ beantwortet, andere Passagiere wurden mit „warten Sie jetzt doch mal“ angeherrscht, dann stritt sie sich mit dem Sicherheitsmann hinter der Kontrolle, weil der anscheinend zu langsam war. Dieser stritt sich dann gleichzeitig mit seiner Mitarbeiterin über die Gründe, weshalb es nicht vorwärts geht und mit einem Passagier über den zulässigen und nicht zulässigen Inhalt seines Kulturbeutels. Die Diskussion war auch nach 10 Minuten noch immer in Gange. Streitlust pur.

Wenn ich es mir so überlege, fände ich es sowieso schrecklich, Flughafenmitarbeiter zu sein. Ständig verreisen alle irgendwohin während einem Passagier für Passagier vor Augen hält, dass man nicht zu diesen glücklichen Menschen gehört. Wo wäre da wohl die Anzeige in meinem Launenbarometer angesetzt?

Zum Glück sitze ich auf der anderen Seite des Zaunes und warte auf meinen Anschlussflug. In Palma muss ich dann noch meinen Transferbus finden, der mich 2h lang quer über die ganze Insel kutschiert und dann: Darf ich endlich wieder Sand zwischen meinen Zehen und Salz auf den Lippen spüren.

Was sind deine skurrilen, lustigen, anstrengenden oder schönen Flughafenerfahrungen?

P.S. Mein Gepäckstück kam nicht an. Bis jetzt (22:25 Uhr) habe ich mich mit dem Gedanken abfinden müssen, mit einem Paar Unterhosen, einer Jeans, einem Shirt, einem Pullover und meiner Zahnbürste ein Sport-Trainingslager überstehen zu müssen. Ich war extremst gelassen über diesen Umstand, muss ich stolz bemerken. Aber: Ende gut Alles gut. Meine Tasche wurde gefunden und wird mir morgen zugestellt. Ein Hoch auf die moderne Tracking-Technik!

P.P.S.

Und so hat es heute Abend vor meiner Haustüre ausgesehen:

Zwischen Himmel und Hölle – der Vulkan Gunung Agung

26 Mär

Bali wird oft mit einem Paradies gleichgesetzt. Etwas Himmlischem. Unbestreitbar Göttlichem. Wie könnte es auch anders sein, wird die Insel auch die Insel der tausend Tempel genannt. Oder die Götterinsel.

Will man dem Himmel also besonders nah sein, kann man die Nähe zu den Göttern, die durch die reine Anwesenheit auf Bali eh schon ziemlich gross ist, noch markant steigern. Indem man nämlich auf den Gipfel des heiligen Berges Gunung Agung steigt. Nachts, versteht sich. Mit Turnschuhen, dicken Pullovern, Jacke und Stirnlampe ausgerüstet.

Eine gute Idee, fanden wir, und machten uns an den halsbrecherischen Aufstieg – dem luftigen Himmel und dem wartenden Sonnenaufgang entgegen. Leichten Schrittes ging es über erdige Pfade in die Höhe. Wayan, unser ausgesprochen fröhlicher, hilfsbereiter und zuvorkommender Guide führte uns sicher über rutschige Stellen und bewahrte uns davor, Kopf voran in herabhängende Äste und Gestrüpp zu laufen.

Wayans Hund folgte uns als stiller Schatten, schwanzwedelnd und topfit.

Nach einer Weile wurde es felsiger und steiler. Teils auf allen Vieren bahnten wir unseren Weg durch das steinige Labyrinth. Ohne Guide wären wir in kürzester Zeit verloren gewesen. Die Beine wurden schwerer, der Atem auch, doch noch immer rief der Gipfel und trieb uns an. Gelegentliche Pausen mit Keksen, Bananen und Wasser liess unsere angestrengten Beine immer wieder erstarken.

Nach gut drei Stunden und einigen gedanklichen Fluchern kamen wir endlich oben an.

Unseren Augen eröffnete sich die ganze Schönheit einer stillen Nacht. Nur ein schwacher Schimmer am Horizont liess den kommenden Tag erahnen. Wayans Hund schien ebenfalls vom dieser atemberaubenden Atmosphäre verzaubert und stand erstarrt am Felsrand, den Blick gebannt auf die unter uns ausgebreitete Landschaft gerichtet.

Es ist unbeschreiblich, wie man sich da oben fühlt. Ich versuche trotzdem, einige Worte dafür zu finden. Ich kam mir so klein vor, spürte die Grösse und Mächtigkeit des Bodens und des Himmels. Und doch fühlte ich mich geborgen. Von der Dunkelheit umarmt und vom leichten Wind umsorgt.

Als die leuchtenden Strahlen den Horizont überfluteten und ihre Farbenpracht in den Himmel und die Wolken gossen, uns mit Wärme und Gold umfluteten, war ich für einige Sekunden der Wirklichkeit entrückt. Wahrlich im Himmel.

Meine Freunde, heisser Tee und noch mehr Kekse machten das Glück perfekt und liessen mich erfolgreich das Wissen verdrängen, dass nach einem dreistündigen Aufstieg eben auch der dreistündige Abstieg folgt. Aus Erfahrung weiss ich, dass mich die Hölle erwartete.

Alle rannten locker und flockig den Berg runter, so schien es mir. Der Russe und T. hatten sogar noch jede Menge Spass dabei. Immer wieder hörte ich ihr Geplauder und Gelächter, bis es irgendwann in der Ferne unter mir verschwand. Ich kämpfte mich Minischritt für Minischritt von Stein zu Stein, suchte mir im Schneckentempo meinen Weg bergabwärts, immer in Angst, auszurutschen und mit kaputtem Bein irgendwo liegen zu bleiben. Meine Knie schmerzten, meine Muskeln weinten und ich war am Verzweifeln. Und das nach nur einem Drittel der ganzen Strecke. Ich hätte heulen können und hätte es auch fast getan.

Zum Glück waren die einen so schnell und die anderen noch langsamer als ich. So konnte ich die Tortur wenigstens schweigend und in Ruhe zu ertragen versuchen.

Schritt um Schritt, Pfad um Pfad, Kurve um Kurve. Endlos. Immer ging es weiter. Und weiter. Wann immer ich gedacht hatte, dass jetzt ENDLICH der Tempel auftauchen müsste, der Fast-Endpunkt des Abstieges, eröffnete sich mir ein neuer Pfad, und noch einer, und noch einer.

Am Ende meiner Kräfte hab ich es aber doch noch geschafft. Der rettende Tempel. Nur: Es galt noch einen ziemlich lange Treppenflucht hinunterzulaufen. Die rannte ich buchstäblich runter, etwas anderes ertrugen meine Muskeln einfach nicht mehr. Die reinste Hölle.

Und dann: Endlich angekommen. Schuhe ausgezogen. Wasser getrunken. Durchgeatmet. Hingesessen. Stolz gewesen.

Da war ich wieder im Himmel.