
Von unseren ersten zwei doch luxuriösen Zügen verwöhnt, gehen wir guten Mutes spätabends an den Bahnhof. Wir finden auch auf Anhieb unseren Zug, doch oh, welche Überraschung. Da der Zug keine erste Klasse führt, sind wir in die zweite Klasse eingebucht. Keine Slippers mehr, Sauberkeit dürftig, kein roter Teppich am Boden, kein Wasser, keine Teetassen und die Matratzen und Decken eher an dritte Klasse erinnernd als an zweite Klasse. Die Toiletten auch keine chemischen sondern solche, die direkt aufs Geleise entleeren.
Meine Gruppe fühlt sich sichtlich unwohl, eine Teilnehmerin verfällt sogar in hysterisches Putzen und desinfiziert ihr ganzes Abteil. Panik darüber, nicht nur eine, sondern zwei Nächte hier verbringen zu müssen, steht ihr deutlich in die Augen geschrieben. Ich gehe zu meinem Abteil und finde mich mit einem russischen Ehepaar wieder, das kein Wort englisch spricht. Er schaut mich aus alkoholgetrübten Augen mürrisch an, sie scheint eine freundliche Frau zu sein. Ich mach es mir im oberen Abteil bequem, Toilettengang und Zähneputzen ist auf den nächsten Morgen verschoben. Es schüttelt, knirscht und knackt. Es rumpelt und grumpelt. Irgendwie wie in einer Wiege für Erwachsene. Nehme noch kurz wahr, dass im Abteil nebenan laut und ausgiebig gelacht wird, bevor ich in tiefen Schlummer versinke. Wie ich am nächsten Morgen erfahre, hat meine Gruppe noch die zweite Vodkaparty geschmissen. Von innen und außen desinfiziert fühlen sich – so glaube ich – nun alle wieder wohl. Schließlich wollten sie ja authentische transsibirische Züge buchen, authentischer kann es wohl mit einem gewissen Komfort wohl nicht gehen.
Am Morgen um sechs stehe ich auf. Habe wunderbar geschlafen und wollte Toilettengang und Zähneputzen nachholen. Wieder nichts gewesen. Da der Zug gerade an einem Bahnhof hält, sind die Toiletten für mindestens die nächsten 20 Minuten geschlossen. Klettere wieder in mein Bett und schlafe noch ein paar Stunden weiter.
Nach der zweiten Schlafpause klappt es dann endlich mit der Kurzhygiene und ich entscheide mich, meinem knurrenden Magen nachzugeben und mich auf die Suche nach dem Restaurant-Wagen zu machen. Ich frage die Provodnika in Zeichensprache, wo ich was zu Essen finde und sie erklärt mir ausgiebig in gebrochenem Englisch und mit viel Gestik, dass sich das Restaurant zwischen Wagen 7 und 8 befindet. Wir sind im Wagen 13, gerade hinter der Lokomotive. Der nächste Wagon ist dritte Klasse. Ich quetsche mich an mehreren Fußpaaren vorbei, die von oberen Betten in den Gang hineinragen und schaue mich um, wer denn da so dritte Klasse fährt. Ein gemischtes Publikum, viele Jüngere. Ich habe es mir stinkiger und überfüllter vorgestellt, aber es sieht ganz ordentlich aus. Wenn man mit nur einem kleinen Rucksack unterwegs und gerne um Leute ist, ist es sicher einmal zu empfehlen, dritte Klasse zu fahren. Zwischen den Waggons stehen ein paar Russen, rauchend, ich muss mich durch deren Mitte quetschen, da keiner eine Anstalt macht, auch nur einen Zentimeter auf die Seite zu rücken. So wandere ich weiter bis zum Restaurant, wo ich mal wieder ein paar Stunden mit Essen, Schreiben und Quatschen verbringe.
Mittlerweile ist es auch richtig warm geworden. Kurze Hosen und T-Shirt sind nun angesagt. Die Landschaft ist hügelig, mit vielen farbigen Blumenwiesen durchsetzt und natürlich auch überall bewaldet. Kleine charmante Holzhäuser schmiegen sich romantisch in die Landschaft. Na, ich übertreibe wohl ein bisschen mit der Romantik, aber so sieht es im Moment durch das Zugfenster hindurch tatsächlich aus.
Meine Gruppe hat ebenfalls die Abenteuerlust gepackt und ist auf Entdeckungsreise durch den Zug gegangen, das Handdesinfektionsmittel natürlich immer mit dabei.

Schlagwörter: transsibirische Eisenbahn