Transsibirisches Zugsleben – von Moskau nach Yekaterinburg

2 Jul
Am Moskauer Bahnhof Khabarovsky....

Am Moskauer Bahnhof Khabarovsky….

Der Zug sieht aus, wie eben ein Zug aussieht. Ich sehe noch nichts Besonderes darin und doch bedeutet dieser Zug für so viele eine mystische Reise. Der Zug ist sauber, das Abteil empfinde ich zwar als relativ eng, bietet aber trotzdem genügend Platz. Die Liegefläche ist zweigeteilt, die Rücklehne ist gleichzeitig auch die Matratze, die sich runterklappen lässt und bereits mit Decke bestückt ist. Pro Bett sind zwei flauschige Kissen verfügbar. Der obere Teil der Rückenlehne ist aufklappbar, darin finde ich Handtücher und Slipper.

Wir haben Glück, die Toilette ist eine chemische, also kein Wind am Hintern während dem kleinen und großen Geschäft. Waschen tut man sich am Waschbecken; Katzenwäsche ist angesagt.

Ich bin als erstes nicht ganz sicher, ob ich vor dem richtigen Abteil stehe. Gebucht ist Sitz Nr. 2 in der ersten Klasse, also einem 2er-Abteil. Drin sitzt aber eine Familie. Und beißender Schweißgeruch schwallt mir entgegen. Mein erster Gedanke: Oh mein Gott, wie soll ich so eineinhalb Tage bloß überleben, ohne dass mir die Nase dabei abfällt? Glücklicherweise verabschiedet sich der Vater, was zwar meiner Nase gut tut, der Frau und dem kleinen Jungen jedoch einige Tränen entlockt. Während die Frau verstohlen ihre Trauer versteckt, bricht der Junge in herzzerreißendes Weinen aus. Beide sprechen kein English, also wird es eine ruhige Reise für mich (solange der Junge nicht lautstark Anderson-Märchen auf Russisch hört, was er etwa eine Stunde lang tatsächlich tut).

In unserem Zugticket ist eine Abendmahlzeit inbegriffen. Die Provodnika (die Wagonverantwortliche) ist freundlich, fragt, was wir essen wollen. Da auch sie kein Englisch spricht, verstehe ich, dass es eine Auswahl an Pasta mit etwas gibt. Chicken ist das einzige, was ich verstehe. Betreffend Getränk sagt sie „Bier“, ich schüttle den Kopf, dann sagt sie „Tomato“ und ich nicke. Also ist das mit dem Abendessen auch geklärt. Der Rest meiner Gruppe tut es mir gleich, da niemand versteht, was denn überhaupt die andere Wahl außer Chicken war. Das Essen war erstaunlich lecker und die Provodnika hat sich mit einen Lächeln und Bon Appetit verabschiedet.

Ich setz mich danach für ein paar Stunden mit meinem Laptop ins Zugsrestaurant, wo ich von einem mürrischen Russen (auf Russisch notabene) gefragt werde, ob ich was essen will. Auf meine Verneinung verzieht sich sein Gesicht ärgerlich-enttäuscht, ich lächle (er lächelt nicht zurück) und bestelle einen Tee. Fleißig an meinen Geschichten schreibend gönne ich mir seit langem Mal wieder jene Muße, die es fürs Schreiben eben braucht. Als das Restaurant dunkel ist – aus irgendeinem Grund war das Licht ausgeschaltet – kommt der Russe wieder und herrscht mich mit dem Wort „money“ barsch an. Auf meine Frage, wie viel der Tee denn kostet, erhalte ich nur einen verständnislosen Blick. Also krame ich all mein Geld aus meiner Hosentasche und halte ihm ein Notenbündel Rubel hin. Er kramt sich ein paar Noten raus und machte sich wieder vom Acker.

Zurück im Abteil sind Mutter und Kind bereits am Schlafen. Die Frau ist ruhig, der Kleine schnarcht wie ein Großer. Mitten in der Nacht werde ich durch seinen Niesanfall, der sich mindestens eine halbe Stunde hinzieht, geweckt. Um 4:00 Uhr morgens steigen sie aus – zum Glück – und ich genieße das Alleinsein.

Meine Reisegruppe scheint ebenfalls zufrieden zu sein, also alles perfekt.

Der Tag verläuft friedlich, der mürrische Zugskellner hat heute ein Lächeln für uns übrig und spricht sogar ein paar Worte Französisch mit uns. Die weiteren Stunden verbringe mit aus dem Fenster schauen, plaudern und eben Muße tun. Etwa drei Stunden vor Ankunft in Yekaterinburg entscheide ich mich dafür, ein längeres Nickerchen zu machen, dass nach 5 Minuten lautstark unterbrochen wurde. Eine Russin mit einem kleinen Mädchen. Schon wieder ein Kind, denke ich, und meine Befürchtung, dass Schlaf wieder einmal zu vergessen ist, wird wahr. Die Russin, Maria, grüsst freundlich, fragt, ob ich Russisch kann. Nein, sage ich, sprichst du Englisch? Französisch sei ihr lieber, meint sie und so plaudern wir die nächsten 3 Stunden über Gott und die Welt. Zwar regelmässig von ihrer kleinen energischen Tochter unterbrochen, die es nie länger als 2 Minuten am Stück aushält, nicht die vollkommene Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu besitzen, doch kriegen wir ein einigermassen flüssiges Gespräch hin. Zwischendurch quietscht die Tochter, damit wir aufhören, auf französisch zu reden. Dann haut sie ihrer Mutter eins ins Gesicht. Dann rennt sie mal wieder aus dem Abteil weg oder klettert irgendwo im Zeugs rum. Maria liebt ihre Tochter über alles und schaut sie zwar zwischendurch verzweifelt, aber doch mit Wohlwollen an. Auf die Frage, ob sie ein zweites Kind will, meint sie lapidar, vielleicht. Es gäbe eben Kinder und es gäbe Kinder. Ihres sei eben eines DIESER Kinder und gäbe ihr grad alle Hände voll zu tun. Sie erzählt mir über das russische Leben in Yekaterinburg. Ein ganz anderer Vibe als in Moskau. Viel ländlicher, viel bodenständiger und so erfrischend offen.

Mag ich das Zugfahren? Erstaunlicherweise ja.

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