Transsibirische Eisenbahn: Moskau und Moskaus Moskauer

1 Jul
Einige Impressionen von unserem Spaziergang durch die Stadt.

Einige Impressionen von unserem Spaziergang durch die Stadt.

Von unserer Guidin bin ich erst einmal ordentlich eingeschüchtert. In typisch sowjetischer Manier hält sie das Zepter fest in der Hand und dirigiert die Gruppe mit ziemlich eiserner Hand durch ganz Moskau. Mit leuchtend gelber Jacke und grasgrüner Hose, die Fingernägel in verschiedenen Farben angemalt, haben wir Sie auch zur dichtesten Metrostoßzeit immer im Blick. Als Erstes geht es zum Kreml und in die Rüstkammer. Da man genau zur auf dem Ticket genannten Zeit im Kreml erscheinen muss, da man sonst nicht mehr reingelassen wird, kommen wir ganz schön ins Schwitzen. Wir haben natürlich getrödelt (1000 Fotopausen und so) und waren selbstverständlich zu spät dran. Unsere Guidin kennt man da aber vom Sehen her, da sie schon seit 30 Jahren Führungen macht, und so haben wir nochmal Glück.

In der Rüstkammer sind entgegen des Namens nicht Waffen und Rüstungen Hauptfiguren, sondern die kunstvoll gefertigte Kleidung der Zaren und Zarinnen, unglaublich detailliert bestickte Sättel und Satteldecken, mit Diamanten und anderen Edelsteinen bestückte Dekorationen, die berühmten handgefertigten Fabré-Eier, Katharinas zahlreiche, pompöse Holzkutschen sowie Kronen und Throne. Eine Sammlung, die einmal mehr zeigt, dass Russen nichts zu teuer ist, ganz egal, was es ist.

Nach etlichen Geschichten unserer Guidin (die ein unerschöpfliches Wissen über Russland und dessen Geschichte besitzt) komme ich zum Schluss, dass Russen a) für alles eine Lösung finden, egal, wie verrückt sie ist und b) die Lösung umgesetzt wird, koste es was es wolle und sie c) stolz darauf sind, diese Fähigkeit zu besitzen.

Man denke nur an die 700 km lange, pfeilgerade Verbindungsstrecke zwischen Moskau und St. Petersburg. Warum eine gerade Strecke bauen? Da war doch bestimmt Einiges im Weg und es wäre einfacher gewesen, gewisse Kurven mit einzubeziehen.

Es war so: Die Kutschen der Zarin – riesige, prachtvoll verzierte Gefährte, die von 6 – 8 Pferden gezogen werden mussten – waren technisch noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie hätten Kurven fahren können. Also musste halt eine schnurgerade Strecke her. Oder der eine kleine Zar (oder der Sohn des Zaren, so genau weiß ich das nicht mehr) wollte unbedingt einen prächtigen Garten, wo aber ein Fluss durchfloss. Da der Garten her musste (des Zaren und des Zaren Kinder Wünsche mussten erfüllt werden), wurde der Fluss kurzerhand ummantelt und musste unterirdisch weiterfließen (was er heute noch tut). Oder die pompösen Gebäude, Kathedralen und Metrostrationen – der Wahnsinn! Es gibt hunderte, wahrscheinlich tausende solche Geschichten.

Und auch heute scheinen die Russen noch immer den gleichen Esprit zu besitzen. Einerseits bewundernswert, vom andererseits muss ich an dieser Stelle ja nicht sprechen.

Auf jeden Fall ist unsere Guidin extrem patriotisch eingestellt, gibt sie auch zu und merkt an, dass sie stolz darauf ist, es zu sein. Putin findet sie gut. Ich glaube, mit dieser Aussage wiederspiegelt sie wohl die Gefühle und Gedanken der meisten Russen. Sagt sie zumindest. Auf die Frage eine Gruppenteilnehmers, ob ihr Leben zu sozialistischen Zeiten oder heutiger (kapitalistischer) Zeit besser war, scheint sie eher der sozialistischen Zeit zugeneigter, zumindest, was das Finanzielle betrifft. Das Leben sei heute einiges teurer, für das gleiche Einkommen. Der Markt habe das Leben vieler Russen einiges schwieriger gemacht. Auf andere Punkte des Sozialismus geht sie nicht ein. Sie scheint die Frage als sehr persönlich zu empfinden und ringt mit einer Antwort, die einerseits ehrlich ist, andererseits aber auch nicht zu tief geht. Wir akzeptieren das und bohren nicht weiter. Auch das Verhalten vieler ausländischer Studenten, die das Studentenleben locker nehmen und lieber mal ausschlafen und faulenzen, statt das Studium ernst zu nehmen, ist für Russen wie unsere Guidin unverständlich. Spass und ausschlafen? Das kann man später machen, NACHDEM man etwas erreicht hat. Vor allem, wenn man schon die Möglichkeit dafür bekommt.

Ich könnte noch ganz viel darüber schreiben aber das würde den Rahmen dieses Postes natürlich sprengen. Es war auf jeden Fall höchst interessant, einen (kleinen) persönlichen Einblick in die Gedanken unserer Guidin erhalten zu haben.

Am nächsten Tag besuchen wir noch die Tretjakov-Galerie. Üblicherweise eine Kunstbanausin (manchmal eröffnet sich mir die einfach nicht, was an der Kunst denn nun Kunst sein soll), war ich von den Werken dieser berühmter russischer Künstler sprichwörtlich wie weggeblasen. Unglaublich. Und wieder: Das russische Herz schlägt für viel, groß und pompös. Ich kann nicht anders, als beeindruckt sein. Das Museum ist voller Kinder. Eine gute Sache. Einer meiner Reiseteilnehmer sagt, dass Russland wohl um den Patriotismus und Stolz auf die eigene Kultur angewiesen ist, da sonst das ganze riesige Land gar nicht zusammengehalten werden könnte. Scheint mir einleuchtend.

Auf jeden Fall ist unsere Guidin am Ende dieser zwei Tage zwar immer noch in russischer Manier ziemlich ruppig, scheint uns jedoch ins Herz geschlossen zu haben. Sie erzählt mir frei aus ihrem Leben und sagt, sie fühle sich von uns wie in einer großen Familie aufgenommen.

Ich mag sie. Und ich habe mich schon an die Ruppigkeit gewöhnt. Früher denkend, die äußere Ruppigkeit wiederspiegelt auch die innere Ruppigkeit bin ich nun eines besseren belehrt und sehe hinter dieser Mauer Herzlichkeit, Wärme und Gastfreundschaft.

Hinterlasse einen Kommentar