Bali mit neuen Augen: Die Verrücktheiten des Strassenverkehrs

23 Feb

Wer denkt, er könnte nie und nimmer eine Strasse flicken und ausbessern, der irrt sich gewaltig. Das kann jeder, ohne Zweifel. Zumindest in Bali. Wirklich JEDER! Und den Formen und Auswüchsen sind keine Grenzen gesetzt. Die einzige Regel: Die Flickstellen müssen möglichst gut sichtbar sein und den Rädern des Mopeds so viele Schwierigkeiten wie möglich bereiten. Dabei sollte auch die künstlerische und kreative Seite nicht zu kurz kommen: Wellig, hügelig, dellig – alles erlaubt, nur nicht flach und gerade.

Eine weitere Besonderheit im balinesischen Strassenverkehr sind die irren Überholmanöver. Als Mopedfahrer schwebt man in ständiger, ununterbrochener Lebensgefahr. Busse kommen einem hupend und dröhnend auf der eigenen Strassenseite entgegen im Wissen, dass sie mit ihrer Grösse in jedem Fall überlegen sind. Als einzige mögliche Reaktion bleibt nur noch das Ausweichen an den Strassenrand. Kurven sind in der Beliebtheitsskala der Überholorte bei Männern ganz oben. Ich wage mal zu behaupten, der Testosteron- und Adrenalinspiegel spielt dabei eine nicht ganz kleine Rolle.

An Ampeln ist es immer wichtig, die absolute Poleposition innezuhaben. Durchdrängeln um jeden Preis, bis man ganz zuvorderst steht, den Blick starr auf die Ampel gerichtet, um schon zwei Sekunden vor Grünschaltung mit Vollgas losrasen zu können.

Übrigens gibt es in Bali tatsächlich Geschwindigkeitsbegrenzungen. Nur hält sich erstens keiner dran und zweitens gibt es schlichtweg keine Geschwindigkeitskontrollen.

Polizeikontrollen gibt es jedoch zuhauf. Der Trick, einer Kontrolle aus dem Weg zu gehen (z.B. wenn man keinen internationalen Führerausweis mit dabei hat oder ohne Helm fährt), sich möglichst hinter einem Lastwagen verstecken, damit die Polizisten nicht sehen, dass ein Ausländer angefahren kommt. Und wenn sie trotzdem mit ihren Trillerpfeifen schrillen und einen rauswinken, den Blick einfach abwenden, stur weiterfahren, einen eleganten Bogen um den Polizisten herum fahren und einfach davon düsen. Wenn das einem dummerweise einmal nicht gelingt, immer freundlich lächeln, erzählen wie schön Bali ist, wie gut es einem gefällt und sich entschuldigen, dass man die nötigen Papiere nicht dabei hat oder ohne Helm gefahren ist, einen IDR 50’000-Schein (ca. EUR 5) hinstrecken, überschwänglich versichern, dass man sich gleich um die nötigen Massnahmen zur Erlangung der Gesetzestreue bemüht und nett fragen, ob man denn nun weiterfahren darf.

Stau ist auch ein oft gesehenes Übel auf balinesischen Strassen. Einerseits wegen engen oder löchrigen Strassen, auf denen zwei Autos nur ganz knapp und mit viel Manövrieren aneinander vorbeikommen, andererseits wegen Fahrern, die ihre Autos, Lastwagen oder Motorräder irgendwo am Strassenrand parken und keinen Gedanken daran verschwenden, dass sie so den flüssigen Verkehr erheblich erschweren. An Kreuzungen gibt es keine Vortrittsregel oder Reissverschlussprinzip, sondern es wird von allen Seiten gedrängelt, bis man irgendwie durchgekommen ist. Oder eben auch nicht. Dann geht einfach mal eine halbe Stunde nichts, weil niemand weder vor noch zurück kommt. Irgendwie entwirrt sich das Knäuel schlussendlich aber doch.

Absoluten Vorrang haben balinesische Zeremonien. Ganze Prozessionen gehen dann gemütlich in ihrem Tempo auf der Strasse entlang. Egal welche Strasse. Egal wie stark befahren. Egal, ob dadurch ein mindestens 3-stündiger Stau ausgelöst wird. Die Prozession hat Vorrang, die Strasse wird einfach gesperrt oder – falls es die breite der Strasse erlaubt – der Verkehr nur noch einspurig durchgelassen.

Gemäss Statistik sterben jeden Tag 8 Personen im balinesischen Strassenverkehr. Auf einer Insel, die flächenmässig nur ca. 1/8 der Schweiz ausmacht und über 3 Millionen Einwohner beherbergt, die Touristenströme nicht miteingerechnet. Zum Vergleich: Auf Schweizer Strassen stirbt pro Tag eine Person.

Und doch scheint das Chaos einer gewissen Ordnung zu folgen und der Verkehr funktioniert trotz Ignorieren der meisten Verkehrsregeln erstaunlich gut.

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